Was wurde aus der Idee, die 2023 für den BESTFORM-AWARD nominiert wurde? Frank Rößler und sein Unternehmen Set-Jetting haben mit der App Set-Caching aus Filmdrehorten interaktive Erlebnisorte gemacht. Seit der Nominierung vor drei Jahren ist viel passiert: Aus einer ersten Tour in Sachsen-Anhalt sind weitere Touren, neue Apps, weitere Geschäftsmodelle und ein Team gewachsen.
Wenn Sie heute auf die BESTFORM-Nominierung zurückblicken: Wie war das damals für Sie?
Frank Rößler: Wir hatten im Januar mit „Alfons Zitterbacke“ für die App Set-Caching am Schloss Ostrau unser erstes Erlebnis veröffentlicht. BESTFORM war für uns der erste Anlauf, um zu zeigen, was wir haben und können – und ein Versuch, uns im Land sichtbar zu machen. Große Chancen hatten wir uns damals nicht ausgerechnet, weil wir gerade erst gestartet waren. Wir haben uns 2021 aus dem Nichts heraus gegründet und eine App entwickelt, die dann 2023 herauskam. Bis dahin ist sehr viel passiert. Wir mussten in dieser Aufbauphase große Risiken eingehen – und das ganz ohne Kunden. Glücklicherweise gab es hier in Sachsen-Anhalt Fördermöglichkeiten für uns. Dass wir schließlich für BESTFORM nominiert wurden, war eine großartige Anerkennung. Es war die Bestätigung, dass wir mit dem, was wir geschaffen hatten, auf einem guten Weg waren – und vor allem eine Motivation, weiterzumachen. Durch die Shortlist haben wir Aufmerksamkeit bekommen. Auch die Anerkennungsprämie von 1.000 Euro war für uns sehr wichtig. Das war bei der Preisverleihung eine positive Überraschung. Für uns hat sich die Teilnahme also rundum gelohnt.
Was haben Sie mit der Prämie gemacht?
Das Geld ist umgehend in die App geflossen – steckt also tatsächlich irgendwie noch im Unternehmen.
Set-Caching war eine ungewöhnliche Idee: Sie haben Filmtourismus, Geocaching und Mixed Reality miteinander verknüpft. Wie sind Sie darauf gekommen?
Der Filmtourismus hat mich privat immer schon interessiert. Ich glaube, das kennt jeder: Man sieht einen Film und eine Location und denkt sich: „Wow, wo ist das denn? Da möchte ich auch mal hin.“ Bei meinen Kindern war das genauso. Sie waren Fans von „Bibi und Tina“. Die Kakmann-Ranch aus dem ersten Film ist die Arche Nebra. Wir sind dorthin gefahren, haben das schon von Weitem wiedererkannt und waren begeistert. Aber je näher wir gekommen sind, desto mehr haben die Kinder gemerkt, dass sich dort nichts aus dem Film wiederfindet. Es war einfach nichts zu sehen, was mit dem Film zu tun hatte. Wir haben dann in die Fotos der Kinder per Photoshop den Kakmann dahinter gebaut, damit sie sich daran erinnern, dass sie in dieser Kulisse waren. Dann war erst einmal Ruhe. Als ich aus Berlin nach Halle zurückgekehrt bin und mich als Freelancer im Mitteldeutschen Multimediazentrum niedergelassen habe, hat mich Geschäftsführer Andreas Nowak auf die neue Gründerinitiative MEDIAstart der Mitteldeutschen Medienförderung aufmerksam gemacht. Ich brauchte nur noch eine Idee für den Filmtourismus, um mich dafür zu bewerben.
Und so nahm die Geschichte von Set-Jetting ihren Lauf?
Ja, aber sie hat noch einige Umwege genommen. Die erste Idee war, einen YouTube-Kanal aufzubauen, um Locations vorzustellen und mit Filmszenen zu kombinieren. Die Förderung dauerte ein Jahr, dazu gab es mehrere Workshops. Wir mussten uns immer wieder fragen: Was könnte unser Geschäftsmodell sein? Wie lässt sich die Idee in einem Satz zusammenfassen? Dabei wurde mir klar, dass unsere ursprüngliche Idee noch nicht richtig funktioniert. Vor allem, weil man nichts erleben kann. Die zündende Idee kam dann meiner Schwester – die später meine erste Mitarbeiterin wurde – und mir. Wir haben irgendwann gesagt: „Das ist wie Geocaching, nur mit Film.“ Damit war der Ansatz für die App geboren. Plötzlich wurde alles klarer: Da muss der Film hinein, dazu Spiele und Geschichten. So ist die Idee gewachsen und immer konkreter geworden.
Wie ging es dann weiter?
Bis wir mit einem Produkt starten konnten, verging noch einige Zeit. Wir konnten zum Glück wieder auf Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt bauen und wurden in das Programm Digital Creativity aufgenommen, mit dem der Einsatz moderner Technologien gefördert wird. Damit konnten wir gemeinsam mit einer Agentur die App programmieren. Als wir die App hatten, sind wir mit Saale-Unstrut-Tourismus zusammengekommen. Dort war man so begeistert von der Idee, dass wir gemeinsam vier Touren entwickelt haben: zu Bibi Blocksberg in Schulpforte, Bibi & Tina an der Arche Nebra, dem Räuber Hotzenplotz auf Burg Querfurt und später Bach in Merseburg. Schließlich wurde man im Harz auf uns aufmerksam. Das Schloss Wernigerode ist einer der Drehorte von „Die Schule der magischen Tiere 2“ und diente im Film als Wintersteinschule. Das war ein wichtiger Schritt für die App und die Technologie.
Warum war gerade dieses Projekt so wichtig?
Da kam vieles zusammen. Das Schloss ist ein Besuchermagnet, und der Film war sehr erfolgreich. Wir hatten also das perfekte Produkt am richtigen Ort. Parallel dazu war ich Teil eines Startup-Accelerators, eines Förderprogramms für junge Unternehmen in Leipzig. In den Workshops wurden aus unseren Ideen und einzelnen Kunden ein konkreter Business Case. Das B2B-Geschäft war ein wesentlicher Teil davon. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass wir die kommerzielle Nutzung vorantreiben müssen. Der nächste Meilenstein war dann im Herbst 2024 die Beteiligung der IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt über das Startup-Gladiator-Programm. Damit konnten wir den kommerziellen Bereich aufbauen – also beispielsweise Filmlizenzen kaufen und die Nutzung der App kostenpflichtig machen. Dadurch waren wir wiederum in der Lage, die App mit weiteren Funktionen auszustatten. Bei einem B2B-Jam sind wir dann mit der Stadt Bad Frankenhausen zusammengekommen. Wir haben uns mit unserer Idee für eine digitale Stadttour durchgesetzt – das war die Geburtsstunde der Raxlifaxe. Wir haben Charaktere entwickelt, Storytelling mit Videoclips erstellt und damit eine zweite App auf den Weg gebracht. Die Raxlifaxe sind heute eine interaktive Stadtrallye und Spiele-App für Familien und Kinder.
Was war bei dieser intensiven Gründer-Geschichte die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung als Startup bestand immer darin, die Liquidität sicherzustellen. Es wäre nie an Ideen, Ansätzen oder der Realisierung gescheitert. Darum haben wir uns auch breiter aufgestellt – auch wenn das zunächst vom Ursprungsgedanken bei Set-Caching weggeführt hat. Inzwischen haben wir mit Set-Caching zehn digitale Touren und Erlebnisse in Sachsen-Anhalt realisiert.
Sie sind allein gestartet. Wie viele Mitarbeiter gehören heute zum Team?
Wir sind vier Festangestellte und eine Werkstudentin, die wir gern ins Team übernehmen möchten.
Was gibt es aktuell für neue Entwicklungen?
Im Juni dieses Jahres haben wir mit der Aschenbrödel-Tour die erste kommerzielle Set-Caching-Tour veröffentlicht. Schloss Moritzburg ist berühmt für den Märchenklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, viele Menschen kommen allein wegen des Films dorthin. Die perfekte Kulisse für uns! Das Projekt haben wir komplett aus Eigenmitteln finanziert – ein Meilenstein für unser Unternehmen: Wir haben die erforderlichen Rechte für die Nutzung der Filminhalte geklärt, die Musiklizenzen gesichert und mit Pavel Trávníček, dem Prinzen aus dem Film, eigene Sequenzen gedreht. Die Schauspielerin Ursela Monn ist unsere Märchenerzählerin. Nicht zu vergessen in Bezug auf Entwicklungen: 2026 hat sich mit der Boathouse GmbH eine weitere Firma an unserem Unternehmen beteiligt.
Was werden Ihre nächsten Schritte sein?
Derzeit arbeiten wir an unserer dritten App, Zoohuwabohu, die wir in diesem Herbst gemeinsam mit dem Bergzoo Halle als Pilotpartner veröffentlichen möchten. Damit gehen wir den nächsten Schritt: Wir übertragen unsere Technologie für digitale Erlebnisse an realen Orten erstmals auf Zoos. Besucher erleben den Zoo und die Tiere dadurch auf einer zusätzlichen spielerischen Ebene. Gleichzeitig ist Zoohuwabohu so aufgebaut, dass das Konzept perspektivisch auch auf weitere Zoos und Tierparks übertragen werden kann.
Was raten Sie jemandem mit einer kreativen Idee, der überlegt, bei BESTFORM 2027 mitzumachen?
Nicht lange überlegen, sondern einfach machen! Mit BESTFORM bekommt man die Möglichkeit, sichtbar zu werden. Und man kann Themen, mit denen man sich täglich beschäftigt, anderen Menschen präsentieren. Oft stecken Kreative in einer Bubble und gehen davon aus, dass jeder versteht, was sie tun. Beim Wettbewerb sitzen Juroren, die sich genau damit auseinandersetzen. Das kann ein Türöffner sein.
Wenn Sie könnten, wie Sie möchten: Welche Idee würden Sie gern noch umsetzen?
Unsere verschiedenen Säulen verbindet im Kern, dass man draußen an besonderen Orten etwas erlebt – über Storytelling, Gamification, Videos, Audios oder Mixed Reality. Meine Vision ist eine Plattform, auf der ganz unterschiedliche digitale Erlebnisse an realen Orten zusammenkommen – unsere eigenen, aber perspektivisch auch die von Marken, Regionen und Influencern. So etwas wie Netflix für Draußenspiele mit dem Handy.
Bild: Set-Jetting GmbH