Fünf Jahre nach ihrem Erfolg beim BESTFORM AWARD sprechen Willy Dumaz, Charlotte Janus und Lea Sonder vom Hallenser „Büro für Sinn und Unsinn“ über mutige Ideen, den Spielideenautomaten, Selbstständigkeit, Wandel und die Kunst, sich kreative Freiräume zu bewahren.
Willy Dumaz, Max von Elverfeldt, Charlotte Janus und Lea Sonder gewannen 2021 – nur ein Jahr nach der Gründung ihres „Büro für Sinn und Unsinn“ – den zweiten Preis beim BESTFORM AWARD. Ausgezeichnet wurde ihr „Spielideenautomat“, der den neugierigen Blick auf die Welt, Kreativität und Experimentierfreude fördern soll.
Fünf Jahre später ist aus dem Quartett ein Trio geworden. Wie hat sich das Büro entwickelt? Welche Rolle spielte der Preis für den weiteren Weg? Und wie gelingt es, trotz wachsender Aufträge den eigenen kreativen Anspruch zu bewahren?
Schön, Sie wiederzusehen. Das Offensichtliche zuerst: Sie sind zu dritt. Und
dort im Regal steht noch immer das BESTFORM-Samenkorn …
Willy Dumaz: Max hat den Job gewechselt und ist App-Designer geworden – was jedoch nicht bedeutet, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben. Der Kern des Büros für Sinn und Unsinn ist jetzt ein Trio. Dazu kommt ein großes Netzwerk. Und ja: Das Samenkorn steht immer hier im Regal.
Warum haben Sie sich damals beworben?
Willy Dumaz: Binh Minh Herbst und Christin Marczinzik vom Interactive Design Studio A.MUSE haben uns damals auf BESTFORM aufmerksam gemacht, und fast zeitgleich hat uns auch Jonas Hansen, Professor für Game Desing und Interaktion an der BURG, ein Signal gegeben. Sie fanden, dass dieser Wettbewerb interessant klingt und wir genau dazu passen würden. Wir haben uns schließlich für den interaktiven Spielideenautomaten entschieden, obwohl wir zunächst überlegt haben, ob die Idee vielleicht zu verrückt ist.
Es ist eine verrückte Idee…
Willy Dumaz: Stimmt. Wir waren ja auch erstaunt, als das Bauhausmuseum Dessau unseren verrückten Automaten haben wollte. Diese Ikone des Designs! Das war für uns eine große Ehre.
Lea Sonder: Der Automat ist ja kein klassisches Design, sondern trägt schon eine Portion Wildheit und Verrücktheit in sich. Dass wir damit den BESTFORM AWARD gewonnen haben, ist uns sehr positiv in Erinnerung geblieben.
Was haben Sie mit dem Preisgeld gemacht?
Lea Sonder: Es hat uns den nötigen finanziellen Puffer verschafft, um weiter an eigenen Ideen arbeiten zu können. Dadurch konnten wir den Weg einschlagen, den wir uns vorgestellt hatten. Bis heute versuchen wir, uns solche Freiräume zu schaffen – Zeit und Reserven für Projekte, die nicht unmittelbar aus laufenden Aufträgen entstehen.
Willy Dumaz: Wir konnten beispielsweise so unser wunderbares Panoskop bauen, mit dem man in andere Welten eintauchen kann. Mit dem Preisgeld konnten wir dieses und andere freie Projekte mitfinanzieren.
Wie war das damals für Sie, die Bewerbung für BESTFORM zu verfassen?
Charlotte Janus: Für die Bewerbung mussten wir den Automaten und unsere Idee erstmals wirklich auf den Punkt bringen. Was ist dieser Automat eigentlich? Ein Spielzeug? Ein Werkzeug? Ein Lernmedium oder Unterhaltung? Sich diese Fragen zu stellen, hat uns geholfen, unser eigenes Profil zu schärfen.
Fünf Jahre sind vergangen. Wie hat sich Ihr Büro seitdem entwickelt?
Willy Dumaz: Es gibt immer wieder Umbrüche. Leute kommen dazu oder gehen auch wieder. Im Großen und Ganzen läuft es bei uns sehr gut. Wir werden für viele interessante Projekte angefragt. Mittlerweile kennen uns richtig viele Leute. Das liegt vielleicht auch an unserem ungewöhnlichen Namen.
Nennen Sie bitte ein paar Beispiele!
Willy Dumaz: Zu unseren Auftraggebern gehören inzwischen das Alice – Museum für Kinder in Berlin, das Grassi Museum für Völkerkunde, das Deutsche Technikmuseum und die Stiftung Bauhaus Dessau. Aktuell arbeiten wir für die Franckeschen Stiftungen hier in Halle.
Wie ging es mit Ihrem Winner-Projekt, dem Spielideenautomaten, weiter?
Willy Dumaz: Der wurde durch BESTFORM schnell richtig berühmt. Der Gewinn hatte schon eine große Außenwirkung. Gemeinsam mit dem Stadtmarketing Halle haben wir daraus den „Hallomaten“ entwickelt. Statt Spielideen gibt er Mikroabenteuer aus, die man erleben kann. So wurde der Automat zu einer Mischung aus Tourguide und Ideenmaschine. Das hat auch großen Spaß gemacht. Der „Hallomat“ steht in der Tourist-Information, ist auf Messen und Infotagen mit dabei. So hätten wir das Ganze locker weiter skalieren können. Aber wir sind keine Automaten-Bauer, wir möchten noch ganz viele andere Dinge machen.
Sie waren damals noch ein junges Startup. Welche Erfahrungen aus den
vergangenen fünf Jahren haben Sie besonders geprägt?
Willy Dumaz: Es gibt immer Zeiten, die bewegter sind als andere. Wir haben gelernt, besser mit unseren Kapazitäten zu haushalten. In einem Sommer hatten wir sehr viele Aufträge. Wir haben uns verschätzt mit den Dingen, die wir gleichzeitig machen können.
Charlotte Janus: Wir haben besser gelernt, mit Umbrüchen umzugehen. Wir sind flexibler geworden. Solche Umbrüche, wie der als Lea eine Familie gegründet hat oder Max hat den Job gewechselt hat, waren einschneidend.
Willy Dumaz: Ich habe aus solchen Zeiten vor allem gelernt, dass ich heute dafür sorgen muss, dass es dem Zukunfts-Willy auch noch gut geht.
Lea Sonder: Wir haben gelernt, über den Tellerrand zu blicken. Bei sehr vielen Projekten arbeiten wir in immer neuen Konstellationen mit Kolleginnen und Kollegen zusammen.
Willy Dumaz: Es ändert sich auch immer mal, wer gerade unser Zugpferd ist. Damals war ich es zum Teil. Jetzt ist es Charlotte. Ich habe seit letztem Jahr eine Professur für Spiel- und Lerndesign an der Burg Giebichenstein und damit eine halbe feste Stelle. Lea ist jetzt wieder präsenter im Unternehmen, weil ihr Kind in die Kita kommt. Also es passiert viel. Wir sind kein gleichbleibendes Konstrukt. Das ist auch eine große Erfahrung aus der Selbstständigkeit: Ein Businessplan ist wichtig. Aber genauso wichtig ist es, ihn immer wieder an neue Situationen anzupassen. Selbstständigkeit bedeutet, beweglich zu bleiben.
Lea Sonder: Ich finde, dass wir immer ganz gut ausgelotet haben, was wir wirklich wollen. Wir haben aufeinander Rücksicht genommen und für jeden einzeln betrachtet, was er gerade braucht. Wir gehen respektvoll mit uns und unseren Wünschen um – auch inhaltlich. Deshalb haben wir immer wieder Projekte ausgeschlagen, von denen wir nicht überzeugt waren.
Willy Dumaz: Das stimmt. Wir haben uns auch klar gefragt, ob wir – wie uns Business-Coaches geraten haben – in die Massenproduktion und in den Vertrieb gehen oder ob wir dieses verrückte kreative Büro bleiben wollen, was immer wieder Ideen erfindet und sich mit neuen Themen auseinandersetzt. Ich finde es schön, dass wir uns in der ganzen Zeit diesen Konsens bewahrt haben.
Gibt es einen Auftraggeber, für den Sie unbedingt einmal arbeiten möchten?
Willy Dumaz: Für das Deutsche Hygiene Museum in Dresden etwas zu machen, wäre toll.
Welche Kreationen liegen Ihnen zurzeit am Herzen?
Charlotte Janus: Im vergangenen Jahr haben wir zwei große interaktive Ausstellungen entwickelt, für ein Umweltbildungszentrum und für das Alice – Museum für Kinder in Berlin. Beide beschäftigen sich mit der Klimakrise und zeigen, welches Gestaltungspotenzial in ihr steckt. Es sind Ausstellungen, die Zuversicht vermitteln und Lust machen sollen, Zukunft aktiv mitzugestalten.
Willy Dumaz: Für die Franckeschen Stiftungen entwickeln wir derzeit die interaktive Ausstellung „Jein“. Sie beschäftigt sich mit Entscheidungen und Orientierung im Leben junger Menschen. Was ist mein Kompass? Wie finde ich meinen eigenen Weg? Gemeinsam mit dem „Kollektiv Plus X“ aus Halle entsteht eine Ausstellung, die perfekt zu unserem Verständnis von Sinn und Unsinn passt.
Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz Ihre Arbeit?
Willy Dumaz: KI liefert meist die naheliegendste und wahrscheinlichste Lösung für ein kreatives Problem. Oft ist das eine gute Lösung, aber eben selten die überraschendste. Gestaltung ist Kommunikation von Mensch zu Mensch. Wenn am Ende nur der Durchschnitt vieler vorhandener Daten spricht, entsteht etwas anderes als eine originäre Idee. Wir sind sehr kritisch, was den Ressourcenverbrauch und die digitale Abhängigkeit von US-Konzernen betrifft. Wir steigen von Google-Diensten zu Nextcloud und Open-Source-Software um. Das versuchen wir jetzt in allen möglichen Bereichen durchzuziehen. Etwa alle drei Monate prüfen wir gemeinsam, welche Anwendungen wir als Nächstes von US-Cloud-Diensten entkoppeln können.
Zum Schluss noch, warum sind Sie in Halle geblieben?
Lea Sonder: Halle ist für mich eine Stadt mit vielen Möglichkeiten. Es gibt viel Grün im Stadtinneren. Die Stadt ist nicht zu groß, alles lässt sich mit dem Fahrrad erledigen. Es gibt super viel kreativen und kulturellen Input – allein durch die Anbindung an die Kunsthochschule und anderen jungen Unternehmen, die sich aus der BURG heraus gründen.
Der Spieleideenautomat: Nach vorherigen Angaben druckt der Automat per Knopfdruck einen Zettel mit einem passenden Spiel aus und greift dafür auf eine Datenbank von mehr als 100 Spielanleitungen zurück. Im Bauhaus Museum Dessau wurden so bereits mehr als 90.000 Spielvorschläge ausgegeben. In der Begründung der BESTFORM-Jury hieß es damals: „Dieses Bildungskonzept ist eine neue Herangehensweise, Kindern mit viel Interaktion auf spielerische Weise Inhalte zu vermitteln.“